26. November 2015
Nachhaltig leben

Urban Gardening – Landwirtschaft in der Stadt.

Mit Urban Gardening kehrt der Garten in die Stadt zurück. Das ist gut für die Umwelt. Und gut für die Stadtbewohner, denn man gärtnert gemeinsam.

Urban Gardening Umwelt
Urbanes Gärtnern gibt es schon lange. Auch in unseren Breiten. Vornehmlich in Kleingartenparzellen und Anlieger-Gärten. Je nach Ausprägung des grünen Daumens werkelt da jeder mehr oder weniger ertragreich vor sich hin. Urban Gardening, wie wir es heute kennen, ist dagegen eine Form der gesellschaftlichen Interaktion mit Weltverbesserungsanspruch.

Guerilla Gardening
In die westliche Welt hielt Urban Gardening als Protestkultur Einzug. Guerilla Gardening auf Baum- und Verkehrsinseln und Samenbomben, die Brachland in Blumeninseln und Bienenweiden verwandelten, symbolisierten ab den 70er Jahren einen gewissen Grad an Autonomie und Selbstbestimmung.

Die anfangs belächelte Bewegung hat sich seitdem emanzipiert, und Städte, die etwas auf sich halten, fördern die Bemühungen um positive Veränderung der städtischen Landschaft. „Heute sehen Stadtplaner und Wissenschaftler in ihr eine Chance, den sozialen und ökologischen Problemen entgegenzutreten, die durch schrumpfende oder wachsende Städte entstehen.“ (Der Spiegel)

Brachen werden sinnvoll genutzt statt zugemüllt. Wachstum statt Verfall. Gemüse- und Obstvielfalt, die in unserer funktionalen Welt durchs Raster fällt, wird erhalten und kultiviert. Vielfalt statt Einheitsbrei. Samenfestes (reproduzierbares) Saatgut ersetzt unfruchtbares Hybridsaatgut. Lebensmittel-Souveränität statt Abhängigkeit. Während auf ehemaligen Brachen Grünes gedeiht, wächst beim Städter das Verständnis für Herkunft, Saisonalität und Anbau von Nahrungsmitteln. Idealerweise auch ein grüner Daumen.

Entstehung von Urban Gardening

Ich hätte nicht damit gerechnet, im Zusammenhang mit der Urban-Gardening-Recherche allzu weit in die Vergangenheit katapultiert zu werden. Aber in Ausgrabungsstätten mexikanischer Siedlungen mit Stadt-Charakter wird der hohe Stellenwert deutlich, den die Landwirtschaft im urbanen Raum in manchen längst verflossenen Kulturkreisen bereits besaß. (Buch Ancient Settlement, Urban Gardening, and Environment in the Gulf Lowlands of Mexico)

Jane Jacobs beschreibt in ihrem Buch The Economy of Cities die historische Entwicklung von Siedlungen, die Hand in Hand mit urbaner landwirtschaftlicher Entwicklung einherging. Erst die Auslagerung landwirtschaftlicher Flächen aus dem Stadtgebiet, um dieses ausschließlich für Industrie und Wohnraum zu nutzen, während moderne Landwirtschaft und Transportwege eine stabile Versorgung der Städte mit Lebensmitteln ermöglichten, führte zu einer Abkopplung der verwobenen Lebenslinien.

Landwirtschaft ist dennoch keine rein ländliche Angelegenheit. Millionen Menschen sind auch in unserer modernen Zeit auf Nahrungsmittelproduktion in der Stadt angewiesen. Angesichts rasanten Bevölkerungswachstums und wirtschaftlicher sowie politischer Veränderungen, die die Versorgung der Stadtbevölkerung mit Lebensmitteln unterminieren, haben viele Städte weltweit begonnen, mit Ideen für urbane Gartengestaltung zu experimentieren.

Ideen Gartengestaltung
Bekanntestes Beispiel für aus der Not geborenes Urban Gardening ist Kuba. Nach dem Zusammenbruch des Hauptlieferanten für Lebensmittel, der Sowjetunion, wurden Lebensmittel mitten in Havanna und anderen Ballungsgebieten angebaut, um die dortige Bevölkerung adäquat zu versorgen. Eine Analyse der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1996 besagt, dass in einigen asiatischen Städten bis zu 80 % der Bevölkerung in Landwirtschaft involviert sind. Ähnlich hohe Zahlen wurden in afrikanischen Städten wie Daressalam, Kinshasa, Kampala und auch in Moskau zu jenem Zeitpunkt registriert (Journal of Public Health Policy Vol. 21, No. 1, 2000 | Public Health Implications of Urban Agriculture). Ich erinnere mich an einen Bericht über ein Moskauer Akademiker-Paar, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion eine Ziege in der Neubauwohnung hielt.

Die für Ernährung zuständige Behörde der Vereinten Nationen FAO unterstützt mit der Kampagne Growing Greener Cities Regierungen und Stadtverwaltungen in Afrika und Lateinamerika bei der Schaffung von Voraussetzungen für urbane Landwirtschaft, um dem steigenden Nahrungs- und Einkommensbedarf der rasant wachsenden Bevölkerung in deren Städten begegnen zu können.

Urban Gardening in Deutschland

In Nordamerika und Europa kann sich Urban Gardening hingegen frei von Versorgungs-Engpässen zu einer Form alternativer Ernährung und sozialen Miteinanders entwickeln, bei dem neben dem Lebensmittel auch der Mensch im Mittelpunkt steht.

Trotz fest verwurzelter Laubenpieper-Tradition ist Deutschland für das gemeinschaftliche Stadtgärtnern empfänglich. Nach wie vor gibt es Formen des Guerilla Gardenings, aber vielfach unterstützen Städte und Gemeinden den Trend zum urbanen Garten, sorgt er doch für Stadtbegrünung, Aufwertung von und Identifizierung mit Kiezen und fördert zudem eine gesündere Ernährung. In Stuttgart soll das Unterfangen gar auf professionelle Füße gestellt werden, indem dort der bundesweit erste hauptamtliche Koordinator für urbanes Gärtnern berufen wurde.

Urban Garten

Ähnlich wie in der essbaren Stadt Andernach wurden erste Berliner Bezirke zu essbaren Bezirken ernannt. Wo immer möglich werden Gewächse mit essbaren Früchten im öffentlichen Raum, in Parks und auf Schulhöfen gepflanzt.

„Der Ertrag steht im Hintergrund – es geht ums Naturerlebnis und um sozialen Kontakt unter Nachbarn“, stellt die Badische Zeitung in einem Artikel über die neue Sehnsucht der Städter, ihren Apfel zu duzen, fest.

Der urbane Garten „schafft einen Rahmen für städtische Naturerfahrung, für Selbermachen, für Begegnung und Gemeinschaft und ermöglicht auch weitergehendes Engagement für den Stadtteil. Brachen werden entmüllt und bepflanzt, praktische Lernorte für Kinder entstehen, und neue Impulse für Kulturen der Teilhabe bereichern das Zusammenleben in der Urbanitas.“ (Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis)

So vielfältig wie die Bezeichnungen für städtische Landwirtschaft sind die jeweiligen Ideen für die Gartengestaltung und die Protagonisten. Neben interkulturellen Gärten, bei denen das gemeinsame Gärtnern Ausgangspunkt für den Austausch von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftskulturen ist, gibt es Kiezgärten, Nachbarschaftsgärten, Selbsternteprojekte, Bauerngärten, Stadtteilgärten, Generationengärten, Guerilla-Gardening-Aktionen und in zunehmender Zahl mobile urbane Landwirtschaftsprojekte (City Farms).

Mehr unter anstiftung.de

Die Münchner Stiftungsgemeinschaft Anstiftung und Ertomis hat bundesweit rund 450 Gemeinschaftsgärten erfasst. Allein in Berlin gibt es 60 Projekte, in München knapp 50, in Bremen rund 30. Das vermutlich bekannteste Projekt sind die Prinzessinnengärten in Berlin-Kreuzberg.

Als dieses Projekt noch in den Kinderschuhen steckte, habe ich mir bei einer Frühjahrs-Aktion selber mal die Hände schmutzig gemacht und beim Vorbereiten und Bepflanzen der mobilen Beete und Kartoffelpflanzsäcke geholfen.
Mittlerweile hat das Areal am Moritzplatz Kult-Status. Neben Gartenarbeit für Mensch und Biene bietet es Platz zum Chillen im Grünen, Jungpflanzen für Balkon-Gärtner und in der Container-Küche gezauberte Köstlichkeiten aus eigener Ernte.

In Berlin hat die Grüne Liga übrigens erstmals einen Preis für Urbane Paradiese ausgelobt, um bürgerschaftliches Engagement und gute Ideen für eine noch grünere Stadt zu würdigen. Gewertet werden die Neuentstehung von Gartenflächen durch bürgerschaftliches Engagement, innovative Ideen zur Gartengestaltung, generationenübergreifende, interkulturelle Gemeinschaftsaspekte, aber auch die Sorten- und Artenvielfalt.

Urban Gardening Ideen

Facetten von Urban Gardening

Ich habe die Anstiftung-Datenbank durchforstet und bin bei den Projekten in Deutschland auf viele unterschiedliche Facetten und Zielsetzungen für gemeinschaftliches Gärtnern im urbanen Raum gestoßen. Dazu zählen (mit Überschneidungen):

  • gesellschaftliches Engagement fördern
  • Stärkung der Identifikation mit dem Wohnumfeld bzw. Kiez
  • Austausch und die Verständigung von Menschen unterschiedlicher ethnischer, sprachlicher und kultureller Herkunft
  • Schärfung des Umweltbewusstseins
  • Lernort in Kooperation mit einem Kinderbauernhof
  • Kontrapunkt zum lauten Treiben der Stadt
  • Protest gegen Zerstörung von Parks durch Bauvorhaben
  • Aufwertung des Wohnumfeldes
  • Zusammenbringen der Generationen
  • Nachbarschaft stärken
  • Bienenhaltung
  • öffentlichen Raum nicht den Planungsbehörden überlassen (Stadtgarten für gemeinsames Gärtnern, Genießen und Debattieren)
  • Spaß am Gärtnern, Lust am Ausprobieren und Freude am Wachsen und Blühen der Pflanzen
  • Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten zum Thema Garten, Selbstversorgung sowie Vorratshaltung aktiv weitergeben
  • Sinngebung im Alltag, insbesondere in Zeiten der Arbeitsplatz- und Ausbildungssuche
  • Integrieren von Personen, insbesondere Senioren/Seniorinnen, alleinstehenden Frauen und Sozialhilfeempfängern/-empfängerinnen mit geringem Einkommen
  • Förderung von Sprachkenntnissen und Integration
  • Förderung des sozialen Miteinanders sowie der Abbau kultureller Vorbehalte
  • Thematisierung von Fragen urbaner Ernährung, Mobilität und Ökologie
  • Beitrag zur Nachhaltigkeit und zu bewusstem Konsum leisten

Die bunte Vielfalt der Möglichkeiten offenbart sich erst recht bei einem Blick über den eigenen Gartenzaun hinaus …

Urban Gardening weltweit

In West Oakland, Kalifornien, entsteht mit den West Oakland Farms eine kommerzielle City Farm, die ehemaligen Inhaftierten Jobs und eine Perspektive gibt. Initiatorin Elaine Brown sagt, sie schaffe Möglichkeiten für farbige Männer und Frauen, die arm und ohne Ausbildung sind und für die in ihrer sich rasant wandelnden Stadt keine Wege vorgesehen sind.

In Macondo, einer Dorfsiedlung in Wien Simmering, leben fast 3.000 Flüchtlinge aus 22 Nationen. Der Garten Macondo nutzt verfügbare Freiräume als Orte der Begegnung und der Eigeninitiative. Ein „Garten für alle“ bietet Kontinuität in einer flüchtigen Umgebung, die von Verlust und Veränderung geprägt ist.
Ein ganz ähnliches Projekt ist kürzlich mit den Mobilen Seelengärten für Flüchtlingskinder im Berliner Süden angelaufen.

Mit Blick auf die Gesundheit und das wirtschaftliche Wohlergehen der Stadt und ihrer Bewohner baute Minneapolis bürokratische Hürden ab, um Zugang zu Land zum Zwecke des Lebensmittelanbaus zu erleichtern sowie den Handel mit in der Stadt angebauten Produkten zu ermöglichen. Sacramento und San Francisco haben regionale Bestimmungen, nach denen Grundstücksbesitzer, die ihr Land ausschließlich für den Anbau von Lebensmitteln nutzen, weniger Steuern zahlen.

Mehr unter berolina.info

Der Generationengarten Berolina in Berlin wurde in Kooperation mit dem Projekt Urban Gardening 2.0, dem BMW Guggenheim, LAB Berlin und der Wohnungsbaugenossenschaft „Berolina“ eingerichtet. Der Garten wurde von den zumeist älteren Mietern/Mieterinnen zusammen mit den benachbarten Kitas geplant und gestaltet und wird selbstverständlich auch gemeinsam gehegt und gepflegt.

Kommerzielle Ziele verfolgt die Lufa Farm auf einem Dach in Montreal. Hierbei handelt es sich um eine Aquaponik-Anlage, in der mehr als 40 verschiedene Gemüsesorten angebaut werden. Die Kombination aus AQUAkultur (Fischaufzucht) + hydroPONIK (Gemüseanbau) ermöglicht ein Kreislaufsystem, in dem Abwässer wiederverwertet werden und auf synthetische Pestizide verzichtet werden kann.

Nach dem gleichen Prinzip funktioniert die in Berlin an den Start gegangene ECF Farm Berlin mit Hofladen.

Eher politisch motiviert ist das Detroit Black Community Food Security Network – eine Initiative, bei der es neben einer Verbesserung der Ernährungssituation für spezifische Bevölkerungsgruppen Detroits auch um die Pflege ethnischer Wurzeln geht. Farbige Menschen arbeiten gemeinsam in einem urbanen Landwirtschaftsprojekt und befreien sich auf diesem Weg von den Zwängen und Limitierungen der bestehenden Lebensmittel-Versorgung in ihrer Stadt.

Reichlich skurril fand ich die Soradofarm. Im Rahmen dieses Programms wurden in Japan bisher 5 Bahnhofsdächer zu mobilen Gärten umfunktioniert, um Ausgleich zum hektischen Stadtleben und Zugang zu Gartenfläche zu bieten. Reisende können so die Wartezeit auf den nächsten Zug im Grünen verbringen.

Am unterirdischsten ist wohl Growing Underground in London. In ehemaligen unterirdischen Bunkern haben zwei Unternehmer Salat- und Kräuterbeete angelegt, um die vorhandene Fläche und Wärme, gepaart mit Kunstlicht und Bewässerung, für den Anbau frischen Grünzeugs zu nutzen.

Urban Gardening – Fazit

Gemeinschaftsgärten beeinflussen Städte positiv. Nicht nur in Sachen Lebensmittelvielfalt und -unabhängigkeit. Sie fördern auch das Miteinander. Auch der dekorative Effekt und die Verbesserung des Mikroklimas sprechen für Urban Gardening. Studien belegen, was Generationen von Gärtnern schon immer wussten: In der Erde buddeln erdet, Gemeinschaft belebt, Wachstum inspiriert, Gesätes ernten macht stolz und genüssliches Verspeisen der Früchte der eigenen Arbeit am Ende des Tages macht satt und zufrieden.

Es ist an der Zeit, sich die Hände dreckig zu machen!

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