10. Dezember 2015
Nachhaltig leben

Vegane Ernährung – Praxistest.

Bloggerin Peggy Schatz unternahm für uns den Praxistest: Eine Woche lang verzichtete sie auf Fleisch und tierische Lebensmittel und lebte vegan. Hier ihr Erfahrungsbericht.

Vegane Ernährung
Eine Woche lang vegan zu leben ist keine heroische Tat. Nicht in Zeiten veganer Supermärkte und Restaurants. Aber was konsumiert man da eigentlich? Ist Sojamilch, wie Sarah Wiener anmerkte, nicht ein nur durch industrielle Prozesse halbwegs trinkbares Gebräu? Wie sieht es mit Seitan-Würstchen und veganen Klopsen aus? Ist vegan wirklich so gesund, wie es sich gerne gibt? Im Längenvergleich der Ergänzungsmittellisten dürfte vegan jedenfalls vorn liegen. Mein Entschluss stand fest. Wenn schon vegan, dann nicht mit Fertigzeugs.

Zugegeben sahen meine selbst gerührten Brotaufstriche weniger appetitlich aus als jene, die es in den überteuerten kleinen Döschen zu kaufen gibt. Außerdem begann einer davon sich vor Ablauf meiner veganen Woche mit verdächtigem Gespinst zu schmücken. Na toll!

Überhaupt war das Frühstück reichlich traurig so ganz ohne Butter. Käse und Wurst konnte man ja mal weglassen. Aber Butter, Schmiere für Toast und Seele, hat mir vom ersten Tag an gefehlt. Ganz zu schweigen von weich gekochtem Frühstücksei. Das kommt zwar nur gelegentlich auf den Tisch, ist aber in meinen Augen ein Glücklich-Macher.

Wie Kaffee. Zum Glück musste ich bei dem keine Abstriche machen. Kaffee trinkt meine gesamte Familie (muss wohl ein Gendefekt sein) seit der Wende mit Kaffeeweißer. Ja, ich weiß! Aber ein Laster braucht der Mensch zum Glücklichsein. Also habe ich während der veganen Woche morgens genüsslich meinen Kaffee zum staubigen Toast geschlürft. Bis mir schwante, dass selbst dieses industrielle Pulver-Laster Trockenmilchanteile enthalten könnte. Ich habe es nicht überprüft und gestehe, dass ich weder willens noch in der Lage war, auf halbem Wege auch noch mein Lieblingsmorgenritual eines der 3 wichtigsten Bestandteile zu berauben. War ja eh zu spät. Das zählt doch als Ausrede, oder?

Zum Thema Kaffee fällt mir noch ein, dass ich die vegane Woche bewusst genau zwischen kulinarische Blogger-Veranstaltung und Picknick mit Freunden gelegt hatte. Natürlich wollte ich die Kollateralschäden so gering wie möglich halten. Nicht gerechnet hatte ich allerdings mit einer Einladung zu Kaffee und Kuchen. Mit Erdbeertorte! Pffft. Das war hart. Und obwohl ich die Gastgeberin vorgewarnt und die Gründe erläutert hatte, schien sie trotz Ersatzobst unglücklich über meine Kuchenverweigerung. Ein weiterer Grund, warum ich kein Fan von veganem Lebensstil werden werde.

Weil ich Frühstück und Abendbrot mangels Butter, Käse und Wurst und bescheidener Auswahl an farblosen Aufstrichen als zunehmend dröge empfand, musste ich neue Geschütze auffahren. Selbst Avocado, die wir gern auf Brot essen, konnte den mangelnden Appetit nicht mehr heraufbeschwören. Ein wirkungsvoller Appetit-Booster war Räuchertofu. Den mochte ich zuvor schon gern und habe ihn seit 1 Woche vegan als schmackhaften Brotbelag beibehalten. Abends außerdem Salate. Mache ich viel zu selten. Schade eigentlich! Gegen Ende der veganen Woche nach einem Tag im völlig überhitzten Heimbüro habe ich den Elektrogrill angeschmissen und Toast, Paprika und Zucchini gegrillt. Alles zuvor mit Olivenöl einbalsamiert, war, zusammen mit einem Glas Weißwein, ein durchaus akzeptables Abendessen. Dass ich im normalen Leben auch keinen Grillkäse oder gegrilltes Fleisch vom Teller geschubst hätte, versteht sich von selbst.

Vegane Rezepte

Während ich mich bei veganem Frühstück und Abendessen also austricksen musste, vermisste ich beim Mittagessen nichts. Wenn mir oder dem fürs Mittagessen zuständigen Mittagskocher die Inspiration für ein veganes Gericht fehlte, genügte ein Blick in die wunderbare Sammlung veganer Rezepte, die Food-Journalistin und Bloggerin Katharina Seiser mit ihrem veganen Selbstversuch (3 Wochen vegan) und Projekt fleischfreitag (als Fleisch-frei-Tag zu lesen) angestoßen hatte. Zudem gibt es einen reichen Fundus veganer Rezepte für jede Tageszeit in den vielen Blogs zum Thema.

Wir kochen sowieso oft fleischlos und die Fülle an Sommergemüsen bietet unzählige Möglichkeiten für Pfannengerichte, Risottos (halt ohne Parmesan und Butter), Polenta und dergleichen. Man durfte nur nicht anfangen, von Aufläufen zu phantasieren. Für solche Gelüste war es zum Glück viel zu heiß.

Apropos heiß, bei der in der veganen Woche herrschenden Affenhitze (vor allem in unserem Büro) war jedes Mittel der Abkühlung recht und ich sehnte mich nach Eis. Anders als viele Bloggerkollegen besitze ich keine Eismaschine und kaufe die Abkühlung meiner Wahl ganz unsportlich im Supermarkt oder in der Eisdiele. Ging nun beides leider nicht.

Als Notlösung habe ich Rote Johannisbeeren gezuckert und püriert und mit Minze aufgepeppt im Förmchen gefroren. Dieses Wassereis schmolz zwar schneller, als man schlecken konnte, erzielte aber die gewünschte Erfrischung. Ende gut, alles gut.

Vegan leben

1 Woche vegan leben – was bleibt?

Nach einer Woche veganen Lebens war ich zugegebenermaßen froh, zu Käse, Eiern, Fisch und gelegentlich Fleisch zurückkehren zu können. Allerdings lasse ich nun auch beim Frühstück öfter mal die Wurst weg. Nicht weil ich sie nicht mögen würde, sondern weil ich die industrialisierte Tierhaltung mit ihren Grausamkeiten nicht mehr unterstützen mag. Die vegane Woche bot den Anstoß, sich nach Alternativen, wie vegetarischen Brotaufstrichen (für mich muss es nicht vegan sein), umzusehen und möglichst viel davon selber herzustellen.

Ich persönlich halte vegane Ernährung für überbewertet. Ich vertrete nicht die These, Soja sei überhaupt das Gesündeste, was es gibt, wie neulich von einer Passantin aufgeschnappt. Im Gegenteil, der vegane Trend führt vielmehr zu einer Schwemme zweifelhafter industriell hergestellter Produkte auf den Markt. Außerdem hat die weltweit steigende Nachfrage nach Soja (in erster Linie als Futtermittel) gravierende Folgen. Man denke nur an die Landvertreibung indigener Völker und Regenwaldabholzung.

Mein Hauptgrund, warum ich vegan zu leben nicht als das Nonplusultra in Sachen Tierwohl ansehe, ist die Tatsache, dass bei Verzicht auf tierische Produkte nicht nur die Existenzen der jeweiligen Bauern gefährdet wären, sondern – noch viel schlimmer – auch die Nutztiere selber. Ohne sinnvolle Nutzung würden sämtliche über Jahrhunderte gezüchtete, an Regionen und Klimabedingungen optimal angepasste Nutztierrassen auf lange Sicht verloren gehen. Tiere halten kostet Zeit und noch mehr Geld und macht nur Sinn, wenn man die Produkte der jeweiligen Tiere vermarkten kann.

Vegane Ernährung ist für mich also kein erstrebenswertes Ziel. Für wichtiger erachte ich bewussten Konsum, zum Beispiel weniger Fleisch zu essen – und wenn, dann von Haltern, die verantwortungsvoll mit ihren Tieren umgehen. Fahren Sie über Land und finden Sie heraus, zu welchem Bauern die wenigen Kühe gehören, die Sie auf der Weide sehen. Vielleicht gibt es ja einen Hofladen. Sollten Sie sich – aus welchem Grund auch immer – für ein veganes Leben entschieden haben, dann wünsche ich damit viel Erfolg und … bitte bleiben Sie entspannt.

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