2. Juni 2012
Familie Klimaschutz

Klimaschutz aus der Küche

Unser Essen ist für etwa 12 Prozent unserer durchschnittlichen CO2-Bilanz verantwortlich. Die Tomate aus dem Garten verursacht wenig, das Rindersteak aus Übersee aber viel CO2. Doch Vorsicht: Vegetarier sind nicht automatisch die besseren Klimaschützer.

„Wie hältst Du’s mit dem Fleischkonsum?“ – haben wir Familie Klimaschutz vor einigen Wochen befragt, um ihre ernährungsbedingten CO2-Emissionen zu bilanzieren. Nicht die einzige, aber eine entscheidende Frage: Denn Tiere monatelang aufzuziehen und sie mit eigens angebauten Pflanzen zu füttern, sie zu schlachten und weiterzuverarbeiten, um dann das gekühlte Fleisch zum Endverbraucher zu transportieren, verschlingt Unmengen an Energie. Und hat einen wesentlichen Anteil an den 1,35 Tonnen Kohlendioxid, die pro Person und pro Jahr durch die Ernährung verursacht werden. Ein Kilo Fleisch kann so schädlich sein wie 250 Kilometer Autofahrt oder – je nach Berechnung – 36 Kilo CO2(1).

„Aber Fleisch wurde doch schon immer gegessen“, mäkeln die Skeptiker des Klimawandels. Das stimmt natürlich, jedoch waren es vor 150 Jahren in Deutschland 10 kg pro Person und Jahr – heute sind es 62 kg (2). Hochgerechnet auf ein Menschenleben sind dies 1094 Tiere (3): Vier Kühe, vier Schafe, zwölf Gänse, 37 Enten, 46 Truthähne, 46 Schweine, 945 Hühner.

Fleischverzicht im Selbstversuch

Müssen wir also alle Vegetarier werden? Familie Klimaschutz hat das im Selbstversuch ausprobiert und ihre Erfahrungen auf ENTEGAs facebook-Seite geteilt. Um es vorwegzunehmen: Ernährungsgewohnheiten sind genau das – Gewohnheiten. Und die ändert man nicht so leicht. Wer gerne Fleisch isst, wird nicht von heute auf morgen zum begeisterten Vegetarier. Und das Zubereiten leckerer und abwechslungsreicher Gerichte mussten auch die meisten Vegetarier erst lernen. Fazit des Experiments: ein komplett fleischfreier Lebenswandel scheidet für Blöchingers aus, in diesem Punkt kollidieren privater Klimaschutz und Lebensqualität.

Etwas weniger ist mehr … viel mehr

Wenn Vegetarismus also nur für einige wenige in Frage kommt, bleibt die Frage: Wie die Massen zum Mitmachen motivieren? Eine wirkungsvolle Alternative zum kompletten Fleischverzicht sehen viele Experten und Aktivisten wie z.B. Sir Paul McCartney in einer behutsamen, schrittweisen Absenkung des Fleischkonsums. Sie plädieren für einen – einen einzigen – Tag der Woche, in der wir uns vornehmen, auf Fleisch zu verzichten. Einen „Veggie Thursday“(4) oder ein „Meatfree Monday“(5).

Come on, everybody: Paul McCartney singt für den Meat Free Monday.

Ein Tag tut niemandem weh, und alle könnten mitmachen. Aus Sicht des Klimas entspräche ein fleischfreier Tag in Deutschland über 6 Millionen Autos weniger auf den Straßen. 6 Millionen PKWs, die ihre Abgase fortan nicht mehr in die Atmosphäre blasen.

Eine weitere wirkungsvolle Maßnahme hat mit dem Zusammenhang von CO2-Ausstoß und Tierart zu tun. Bis ein Kilo Rindfleisch auf unserem Teller liegt, wurde die zehnfache Menge an Getreide verfüttert, und bis zu 16.000 Liter Wasser(6) eingesetzt. Bei Schwein oder Pute sind die Emissionen pro Kilogramm bereits um über 70 % geringer(7). Wer auf Fleisch nicht verzichten mag, kann also schon durch die Wahl der Fleischsorte Großes bewirken.

Kein Fleisch ist auch keine Lösung

Doch genug damit, allein den Fleischliebhabern die Schuld in die Schuhe zu schieben.
Denn nicht nur die Frage, was wir essen, sondern auch wann wir essen und wo wir einkaufen ist entscheidend: Wer mit dem Auto zum Supermarkt fährt, um tropische Südfrüchte, Tiefkühlpommes, französisches Mineralwasser und im Winter Erdbeeren zu kaufen, hat sich zwar fleischlos, aber ganz und gar nicht CO2-frei ernährt. Gerade der bei Vegetariern beliebte Käse, aber auch Butter oder Sahne, schlagen bei der CO2-Bilanz ordentlich zu Buche.

Erschreckend: Der Konsum von Milchprodukten ist für den größten Anteil an Treibhausgasen verantwortlich – in einem Durchschnittshaushalt entstehen so rund eine Tonne Kohlendioxid. Für Fleischprodukte sind es „nur“ ca. die Hälfte(8).Und schließlich gibt es auch bei Gemüse, Obst und allen anderen Lebensmitteln zahlreiche Faktoren, die die Klimabilanz beeinflussen: Die Produktionsbedingungen, der Verarbeitungsprozess, die Lagerung, der Transport. Stammt es aus der Region? Ist jetzt die Saison dafür? Kaufe ich es für die Tiefkühltruhe, oder bereite ich es frisch zu?
Es ist schwer, bei der Vielzahl der Berechnungsmethoden verlässliche und vergleichbare Zahlen zu finden, denn die Bilanzierung von Lebensmitteln ist eine Wissenschaft für sich. Aber darum geht es auch gar nicht. Denn anstatt aus Klimasicht einzelne Lebensmittel zu verteufeln, wollen wir lediglich anregen, sich über Alternativen zu informieren, bewusster einzukaufen und bewusster zu genießen. Guten Appetit.

Fußnoten

(1) http://www.welt.de/wissenschaft/article1036038/Ein-Kilo-Fleisch-schaedlich-wie-250-km-Autofahrt.html

(2) https://www.bllv.de/Fleischkonsum-Deutschland.5302.0.html

(3) http://www.sueddeutsche.de/leben/welt-vegetariertag-wie-viele-tiere-isst-der-deutsche-in-seinem-leben-1.37615

(4) www.donnerstag-veggietag.de

(5) www.meatfreemondays.com

(6) http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,710622,00.html

(7) CO2-Zähler – Die CO2-Tabelle für ein klimafreundliches Leben, Pendo Verlag GmbH & Co. KG, München und Zürich 2007, S. 28

(8) ebd., S. 30

(9) CO2-Zähler – Die CO2-Tabelle für ein klimafreundliches Leben, Pendo Verlag GmbH & Co. KG, München und Zürich 2007, S. 28

(10) www.eaternity.ch; PCF Pilotprojekt Deutschland, 2009: Product Carbon Footprint – Ein eigener Weg zu klimaverträglichen Produkten und deren Konsum?, Erfahrungen, Erkenntnisse und Empfehlungen aus dem Carbon Footprint Pilotprojekt Deutschland, THEMA1 GmbH, Berlin; CO2-Zähler – Die CO2-Tabelle für ein klimafreundliches Leben, Pendo Verlag GmbH & Co. KG, München und Zürich 2007, S. 29

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